„Hauptsache das Kind ist gesund“ – Roses Revolution –Initiative für eine gerechte Geburt

 

 

Zum vierten Mal steht der 25. November im Zeichen gegen Gewalt in der Geburtshilfe.

An diesem Tag können, Frauen, Männer, Familien, aber auch Klinikpersonal, am Ort des Gebärens, an dem Unrecht mit ihnen geschehen ist, eine Rose niederlegen. Wer will kann auch einen Brief dazu verfassen und seine Geschichte niederschreiben.  Dies dient auch vor allem darum, die eigene Geschichte aufzuarbeiten.

 

Ich brauche keine Rose nieder zulegen, denn ich bin mit der Geburt meines Sohnes im Reinen. – Ich habe die Geburt meines Sohnes als sehr positives und mich bestärkendes Erlebnis erfahren.

Zum einen habe ich mich sehr intensiv mit dem Geburtsvorgang auseinander gesetzt und für mich definiert, was ich möchte und nicht möchte. Ich habe einen guten Kontakt zu meinem seelischen Befinden und zu meinem Körper und darauf habe ich mich selbstverständlich auch während der Geburt verlassen.

Zum anderen hatte ich wirklich großartige Unterstützung von meinem Partner, der mich auch bei zwischenzeitlichen Durchhängern super aufgefangen und wieder „auf Kurs“ gebracht hat.

Und ich hatte eine wirklich tolle Hebamme, die sehr ruhig war und ein gutes Gespür für mich hatte, die uns auch viel Zeit zu zweit gelassen hat (was wir mit Sicherheit auch dem großen Trubel „verdanken“ der an diesem Tag in der Klinik geherrscht hat, von einer 1:1 Betreuung kann hier keine Rede sein) und ich weiß, dass ich diesen Faktor dem reinen Zufall zu verdanken habe!

Und ich habe Angst, schreckliche Angst vor einer weiteren Geburt. Nein, nicht vor der Geburt, sondern vor den Umständen.

Angst, nicht wieder so ein großes Glück mit meiner Hebamme zu haben, Angst, dass meine Integrität verletzt wird, Angst, dass meine Rechte und Wünsche einfach mit Füßen getreten werden. Angst, dass die Ökonomie und Routine vor meine Wünsche gestellt wird. –Und ich weiß, dass ich Maßnahmen treffen werde, damit ich mich jederzeit sicher und gut aufgehoben fühlen werde und ich weiß auch, dass das ein sehr privilegierter Status ist.

 

Darum ist mir diese Initiative ein so großes Anliegen, denn leider ist es keine Selbstverständlichkeit in der Geburtshilfe, dass der Gebärenden mit Respekt und Achtung entgegengekommen wird, dass ihre Rechte und Wünsche wahrgenommen und geachtet werden. – Viele Frauen setzen sich vor der Geburt vielleicht nicht mit dem Thema auseinander, haben Vorstellungen, wie eine Geburt sein wird (schmerzerfüllt, blutig, laut, ein Klischee das die Medien uns gerne vermitteln) und machen sich auch keine Gedanken über ihre Rechte (was nicht bedeutet, dass es in Ordnung ist, diese zu verletzen). Viele setzen sich intensiv mit dem Geburtsvorgang, ihren Wünschen und Rechten auseinander und erfahren dennoch Gewalt unter der Geburt. Und dies muss ein Ende haben.

Es kann nicht angehen, dass eine gewaltfreie Geburt ein privilegiertes Sonderrecht ist. Denn, sind wir uns ehrlich – mit Sicherheit gibt es Klinikpersonal (Hebammen, Schwestern, Ärzte) das in seinem Job eine absolute  Fehlbesetzung ist und denen es an jeglichem Feingefühl und Respekt mangelt.

Viele Übergriffe sind aber veralteten Ansichten und Prinzipien geschuldet (Essen, Trinken, Toilette gehen, etc). vieles entsteht durch einen stressigen Klinikalltag, wo eine 1:1 Betreuung nicht einmal in weiter Ferne in Sicht ist und viele Interventionen geschehen, um ökonomisch, im Sinne von Planbarkeit und Massenabfertigung, arbeiten zu können.

 

Es hat sich in den letzten 30 Jahren in der Geburtshilfe unglaublich viel Positives getan.

Wenn die Generation meiner Mutter über ihre Geburten spricht, laufen mir eisige Schauer über den Rücken. Da waren Einläufe, Rasur, Dammschnitt, Essens- und Trinkverbot an der Tagesordnung. Vielerorts wurden Frauen in einem Raum geschoben, am Rücken liegend mit den Beinen am Stuhl festgebunden, nur durch einen Vorhang von einer anderen Gebärenden getrennt und einfach alleine gelassen. 

Diese Veränderung verdanken wir einerseits neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen durch Studien über den Vorgang der Geburt (leider wird unserem Bauchgefühl in der rationalisierten Welt keine große Bedeutung mehr zu gesprochen, schon gar nicht, wenn das Bauchgefühl zu Ergebnissen gelangt, die im Mainstream noch nicht gängig sind und dafür ist die Wissenschaft ein wahrer Segen), andererseits aber auch dem Protest der Frauen, die es sich nicht gefallen lassen wollten, dass in einer so sensiblen, außergewöhnlichen Phase ihres Lebens so mit ihnen verfahren wird. 

 

Dennoch gibt es sie heute immer noch, die Gewalt in der Geburtshilfe und jeder einzelne Fall ist einer zu viel!

Gerade bei der Betrachtung der Situation der Geburtshilfe in Deutschland (Stichwort Haftpfichtversicherungen für Hebammen, Klinikschließungen) kommt man nicht umhin zu sagen, dass dunkle Zeiten auf uns zu kommen.

Und zwar auch in Österreich. Auf den ersten Blick erscheint es, als würden wir auf einer Insel der Seligen leben.  Viele Krankenhäuser propagieren die natürliche und interventionsarme Geburt, dadurch lässt sich der Klinikalltag aber schlecht planen und Planbarkeit ist ein zentraler Faktor in einem wirtschaftlichen Unternehmen, was auch auf Krankenhäuser zutrifft.

Es finden immer mehr Schließungen statt (aktuell hat das Hanusch Krankenhaus in Wien seine Geburtenstation geschlossen). Die Geburten verteilen sich auf einige wenige Häuser, die sich dann auf Geburtshilfe spezialisieren und damit zwei bis drei andere medizinische Zweige benötigen, die sie wirtschaftlich mitziehen, wenn sie finanziell überleben wollen und damit triften wir auch in Österreich in eine Abwärtsspirale.

In vielen Klinken sollte eine Anmeldung am besten schon vor einem postiven Schwangerschaftstest erfolgen, damit ein Platz (in dem mit Sicherheit voll besetzen Gebärbereich) zugesagt wird. Eine 1:1 Betreuung ist dann nur mehr mit der eigenen, privat bezahlten, Hebamme gegeben und die Betreuung der anderen Frauen kann unter Umständen unter dem hektischen Klinikalltag leiden, denn auch die Situation der Hebammen darf nicht außer Augen gelassen werden. Auch sie laufen am Limit.

 

Und dann kommen sie, die Erfahrungen von Freunden und Bekannten. 

Von Gebärenden, die unter Wehen mit dem Satz, gehen Sie wieder nach Hause da passiert nichts und stellen Sie sich nicht so an, abgefertigt werden.

Von Gebärenden, deren Geburt interveniert wird, weil das Personal zu einem Konsil wegen eines anderen Falles zusammentrifft  und die Geburt dann im Kaiserschnitt endet.

Von aktiv und aktuell Gebärenden, die ihr Zimmer mit einer frisch gebackenen Mutter teilen müssen, weil das Gebärzimmer belegt ist und dann noch von Glück sprechen, dass sie so früh dran waren, denn die nachfolgenden Frauen mussten am Klinikgang warten, bis eine „Rückzugsmöglichkeit“ für sie frei wurde.

Von Frauen die geboren haben und denen die Plazenta von Hebammen an der Nabelschnur quasi aus dem Leib gerissen wurde, weil der Platz für die nächste Frau gebraucht wurde.

Von Gebärenden, die auch heute noch immer nicht während der Geburt Trinken, geschweige denn Essen dürfen und die gegen ihren Willen einen Einlauf bekommen haben.

Von Gebärenden, die verbal angegriffen und verhöhnt werden, weil sie sich so anstellen.

Von Gebärenden, die massiv unter (Zeit)Druck gesetzt werden, die gedrängt werden, Entscheidungen zu treffen und mit dem Wohl ihres Kindes erpresst werden.

– Ja, das ist Gewalt. Gewalt in der Geburtshilfe und sie geschieht. Auch hier in Österreich.

 

Eine Gebärende ist immer noch zuerst ein Mensch, eine Frau, mit Recht auf Unversehrtheit, auf Wahrung ihrer Integrität. Und gerade in der besonders sensiblen Phase der Geburt, die Frauen so verletzlich und auch ausgeliefert macht, ist es absolut widerwärtig, Macht gegen diesen Menschen auszuspielen.

Was die Frau benötigt ist Unterstützung und der Glaube an die Körpererfahrung der Frau.

Schon Ina  May Gaskin sagte, dass eine Frau, die während der Geburt nicht aussieht wie eine Göttin, von jemandem nicht richtig behandelt wird.

 

Hat eine Frau während der Geburt Gewalt erfahren, oder auch eine (subjektiv) traumatische Geburt erlebt, kommt er meist unweigerlich, der Satz „Hauptsache, das Kind ist gesund.“

Und genau da geht sie weiter, die Gewalt.

Eine Geburt stellt einen Ausnahmezustand dar, die Hormone steuern das ihrige bei und nach der Geburt ist das Leben für viele Frauen gefühlsmäßig eine Achterbahnfahrt.

Und so wie uns Medien „erklären“ wie eine Geburt zu sein hat, definieren sie auch, dass eine Frau, bzw. Mutter glücklich zu sein hat, wenn sie ein gesundes Baby im Arm hält. Dies ist aber nicht immer der Fall. (Subjetktiv) Traumatische Geburten, Gewalt während der Geburt können dieses Glück schmälern, es kommen Zweifel und Ängste auf und das Gefühl, nicht der Norm zu entsprechen (glückliche Mutter da Kind gesund)wiegt schwer und es wiegt noch schwerer, wenn man in diesem Gefühl nicht wahr- und ernstgenommen wird.

Der Satz „Hauptsache das Kind ist gesund“ suggeriert, dass die Frau als Mutter kein Anrecht mehr auf ihre (negativen) Gefühle mehr hat, es keinen Grund gibt, nicht glücklich und zufrieden zu sein.

Wenn wir gut auf uns achten, in unserer Mitte sind, können wir uns auch gut, achtsam und bewusst um andere Menschen kümmern. Wie kann es also in dieser speziellen Mutter-Kind-Beziehung sein, dass es unwichtig und egal ist, wie es der Mutter geht?

 

Dieser Satz setzt die Gewalt gegen die Frau fort, ist alles, nur nicht hilfreich für die Betroffene.

Nur für den/die jenigen, der ihn ausspricht ist es eine bequeme Möglichkeit, diese unangenehmen Tabuthemen (Gewalt in der Geburtshilfe und auch postpartale Depression) klein zu reden und auszuklammern und vielleicht auch eine Möglichkeit, die eigene Geschichte weiter zu verdrängen.

 

Jeder einzelne Fall von Gewalt in der Geburtshilfe ist einer zu viel, egal ob er hier in Österreich, in Deutschland, Frankreich, Amerika, Japan oder sonst wo geschieht!

Lasst uns aufstehen dafür, dass eine gerechte Geburtshilfe kein frommer Wunsch bleibt, sondern Realität wird!

Wenn ihr Gewalt in der Geburtshilfe erfahren habt, sprecht darüber, legt eine Rose ab!

Pocht während der Geburt auf eure Rechte!

Wir Frauen haben ein Recht auf eine selbstbestimmte Geburt, auf Unversehrtheit und dieses sollten wir einfordern.

Welche Umstände wünschen wir uns für unsere Töchter, wenn sie gebären?

Indem wir darüber sprechen, unsere Geschichte aufarbeiten/verarbeiten und versuchen, für Veränderungen einzutreten können wir etwas bewegen.

Wir haben es jetzt in der Hand, unsere Rechte einzufordern, denn es ist nicht egal, wie wir geboren werden. Es ist nicht egal, wie wir gebären!

 

Wie ich schon eingangs erwähnt habe, gibt es für mich zum Glück keinen Grund, eine Rose nieder zulegen.

Am 25. November sind meine Gedanken bei all jenen Frauen, Männern und Familien, die Gewalt in dieser wundervolle Phase ihres Lebens erfahren mussten und auch bei all jenen Hebammen und auch Ärzten, die unter enormen Druck alles daran setzen, dass die Rechte der Frauen gewahrt bleiben!

 

Für alle Betroffenen möchte ich hier noch zwei Adressen hinterlassen, die helfen können.

 

Das ist zum einen die emotionale Erste Hilfe, die in akuten Fälle eine erste Anlaufstelle ist, aber auch so vieles mehr tun kann.

 

Und hier gibt es den Link zu Mag. Birgit Viktoria Kindermann, die ein Geburtsnachsorgegespräch für Familien anbietet. Dabei geht es darum, die eigene Geburtsgeschichte aufzuarbeiten. Dieses Angebot beschränkt sich nicht nur auf erlebte Gewalt während der Geburt, sondern bietet auch die Möglichkeit, auch (subjektiv als) belastend erlebte Geburten zu verarbeiten und damit die Seele und den Kopf wieder frei zu bekommen um mit Energie durch den Alltag mit Baby zu gehen.